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Internationale Vielfalt auf dem Campus

Manche kommen als Nachwuchsforscher, andere als etablierte Wissenschaftler, manche bleiben für ein paar Wochen, andere für immer. Ihnen allen gemein ist: Sie haben ihr Heimatland verlassen. Das Forschungszentrum Jülich hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Gastwissenschaftlern optimale Bedingungen zu bieten. Dabei öffnen sich bisweilen ganz neue Türen und Perspektiven.

Dr. Shizue MatsubaraWar schon immer neugierig auf die Welt: Die Pflanzenforscherin Dr. Shizue Matsubara.
Copyright: Forschungszentrum Jülich / Ralf-Uwe Limbach

Schon als Kind wollte sie die Welt entdecken: Shizue Matsubara aus Tokio. Und die Japanerin hat einiges dafür getan, dass dieser Wunsch in Erfüllung ging. Bereits als Schülerin verbrachte sie die Sommer fernab der Heimat in Kalifornien, studiert und promoviert hat die Pflanzenforscherin in Japan, Deutschland, Australien und den USA. „Und nun bin ich schon seit 16 Jahren am Forschungszentrum Jülich am IBG-2 für Pflanzenwissenschaften “, erzählt die 52-jährige. 16 Jahre, in denen sich die internationale Atmosphäre am Forschungszentrum deutlich entwickelt hat. „Als ich hier anfing, wurde vor allem deutsch gesprochen – in den Seminaren und Arbeitsgruppen, aber auch der Schriftverkehr fand auf Deutsch statt“, erzählt die Forscherin. Heute sei das völlig anders. Man kommuniziert per Mail auf Englisch, in der Mensa plaudern Nachwuchswissenschaftler in verschiedenen Sprachen miteinander, Englisch gehört längst zum Alltag eines jeden Wissenschaftlers – ganz unabhängig von der Nationalität. In Matsubaras Arbeitsgruppe wird ohnehin nur englisch gesprochen, damit auch die Doktorandinnen aus Vietnam und Italien folgen können.

„Die Auslandserfahrungen haben mich zu einem offenen und interessierten Menschen gemacht. Ich habe keine Angst oder Scheu vor neuen Begegnungen“, erzählt sie. Heimweh habe allenfalls am Anfang eine Rolle gespielt: Das war im Jahr 1995, als sie in Geisenheim angefangen hat, Weinbau zu studieren – asiatisches Essen hat sie in dem 11.000-Einwohner-Ort vergeblich gesucht. „Aber auch das hat sich völlig verändert – da reicht ein Blick auf das tägliche Mensaangebot in Jülich“, sagt sie lachend. Das Forschungszentrum sei für sie längst ein Zuhause geworden: „Die Forschungsinfrastruktur ist einmalig – man hat für jedes Problem einen Ansprechpartner“, schwärmt die Japanerin. Einziger Wermutstropen: Als Gruppenleiterin reist sie nicht mehr so viel. „Umso glücklicher bin ich über die vielen internationalen Gäste an unserem Institut“, freut sich die Wissenschaftlerin.

Gut vernetzt

Insgesamt forschten im vergangenen Jahr 521 Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus 62 Ländern in Jülich - das sind fast ein Viertel aller Wissenschaftler. Dazu zählen Doktoranden, Promovenden und Postdocs, aber auch Institutsleiter und etablierte Forscher. „Die meisten davon kamen zwar aus Deutschland, doch ein signifikanter Teil aus Asien, Ost- und Westeuropa und den USA“, sagt Melanie dos Santos Mendes von der Unternehmens­entwicklung, wo sie den Fachbereich Nationale und Internationale Beziehungen leitet. Der Fachbereich ist die Schnittstelle zwischen den Instituten, dem Vorstand und der Administration.

„Wir wollen den Wissenschaftlern die bestmöglichen Voraussetzungen bieten, damit sie in Jülich ihren ,place to be' finden“

Melanie dos Santos Mendes

„Wir fühlen uns als internationale Forschungseinrichtung“, so dos Santos Mendes. „Wir wollen den Wissenschaftlern die bestmöglichen Voraussetzungen bieten, damit sie in Jülich ihren ,place to be' finden“. Denn es gehe um nichts weniger als globale Herausforderungen zu bewältigen, die machen schließlich nicht an Landesgrenzen halt: „Und dafür benötigt Jülich die besten Köpfe weltweit im Sinne einer international vernetzten Exzellenz“, resümiert dos Santos Mendes.

Forschungszentrum Jülich InternationalDas Forschungszentrum Jülich arbeitet mit Partnern auf der ganzen Welt zusammen und kennt viele unterschiedliche Formen des internationalen Austausches.
Copyright: Forschungszentrum Jülich

Die Möglichkeiten des internationalen Austauschs sind in Jülich ähnlich vielfältig wie die Zusammensetzung der internationalen Forscherliste: „Es gibt Doktoranden, die ihre Karriere am Forschungszentrum starten, Forscher wie Shizue Matsubara, die ihre Karriere vorantreiben und Gastwissenschaftler, die über Jahre immer wieder für einige Monate nach Jülich kommen, um zu forschen“. Demnach bietet und nutzt das Forschungszentrum sehr unterschiedliche Formen der Zusammenarbeiten und Kooperationen: Da gibt es den personenbezogenen Austausch, strategische Partnerschaften, bei denen Wissenschaftler auf Basis eines Forschungsprogramms langfristig zusammenarbeiten sowie die klassische Projektarbeit, bei der die Forscher Drittmittel einwerben.


Und manchmal öffnen sich für Gastforscher auch neue Türen in Jülich: Einer von ihnen ist Solomon Agbo aus Nigeria, der 2007 als PHD-Student nach Europa kam und an der Delft-University of Technology an der Entwicklung von Solarzellen und Solarzellenmaterialien arbeitete. Nach seinem Abschluss in Delft im Jahr 2012 hatte Agbo einen Forschungsaufenthalt an der Westböhmischen Universität in der Stadt Pilsen, Tschechien. Als Humboldt-Stipendiat kam er 2015 nach Jülich ans Forschungszentrum und verstärkte die Arbeitsgruppe von Tsvetelina Merdzhanova am Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK-5) - Photovoltaik. „Ich habe meine Arbeit im Labor geliebt, und die Kollegen waren hilfsbereit, offen und mir wohlgesonnen. Heute sind sie längst Freunde und ich freue mich immer noch, mit ihnen zusammenzuarbeiten.“, erklärt der 44-Jährige.

Der Brückenbauer

Doch seine Kindheit in Nigeria habe seinen Blick auf die Welt geschärft: „Ich habe die Herausforderungen meines Kontinents bewusst erlebt!“ Irgendwo in Agbos Hinterkopf nahm über die Jahre ein Gedanke immer konkretere Formen an: „Mein Wunsch war eine Position, in der ich all meine Erfahrungen, die ich in der Wissenschaft bereits gesammelt habe, nutzen und weitergeben kann, um zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen“, erklärt Agbo. Und als der Fachbereich „Nationale und Internationale Beziehungen“ eine Stelle für das Management internationaler Beziehungen ausgeschrieben hatte, zögerte er nicht lange und warf seinen Hut in den Ring – mit Erfolg. Es sei für ihn die Gelegenheit gewesen, Wissenschaft außerhalb des Labors in die Praxis umzusetzen. „Ich generiere jetzt zwar kein Wissen mehr im Labor, dafür sitze ich an der Schnittstelle, um Wissen auszutauschen, damit die Gesellschaft davon profitiert. Meine Kollegen im Labor unterstütze ich immer noch. Als Team konzentrieren wir unser Know-how darauf die Gesellschaft und das Leben der Menschen positiv zu beeinflussen. Das macht mich glücklich!“, so Agbo.

Der Brückenbauer Dr. Solomon AgboDr. Solomon Agbo ist auch Koordinator des deutsch-afrikanischen Forschungsprojektes YESPV-NIGBEN bei dem es um die intelligente Verknüpfung von Photovoltaik-Systemen und Nahrungsmittelproduktion geht.
Copyright: Forschungszentrum Jülich / Wilhelm Peter Schneider

Er sieht sich als Brückenbauer zwischen seiner ehemaligen Position als Forscher und der Vorstellung, in der Gesellschaft etwas zu verändern: „Ich bringe sehr viel Wissen aus meiner Zeit als Forscher mit in den neuen Job, das ist sehr hilfreich“, erklärt er und fügt hinzu: „Ich habe als Afrikaner in den Niederlanden, der Tschechischen Republik und Deutschland gearbeitet, ich weiß, was Internationalität ist und wie wichtig sie ist – und zwar für alle Beteiligten.“ Der Austausch der unterschiedlichen internationalen Perspektiven der Menschen seien für eine globale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft von großer Bedeutung. „Und genau das passiert hier in Jülich“, ist der Mitarbeiter überzeugt. Das Forschungszentrum Jülich hat sich zu einer internationalen intellektuellen Drehscheibe entwickelt, in der die Wissenschaft nicht nur mit höchster Integrität auf dem neuesten Stand der Technik betrieben wird, sondern auch so geformt und gestaltet wird, dass sie die gewünschten Ergebnisse in der Gesellschaft erzielt. "Hier finden sie Menschen, die ihnen bei fast allem helfen und sie unterstützen können - wissenschaftlich, technologisch, sozial, etc. Das ist das Arbeitsumfeld, das sich jeder Mitarbeiter wünscht, und ich freue mich, dass ich es in Jülich genieße darf", schließt Agbo.

Katja Lüers