Schöne Landschaften statt Windkraft? Neue Studie zeigt Wege für Europa
7. Mai 2026
Windräder liefern klimafreundlichen Strom, verändern jedoch den Blick auf die Landschaft. Eine Studie mit Beteiligung von Forschenden des Forschungszentrums Jülich zeigt nun, wie sich Windkraft und attraktive Landschaften in Europa miteinander vereinbaren lassen.
Wie lassen sich Windkraft und attraktive Landschaften in Europa miteinander vereinbaren? Das zeigt eine Studie mit Beteiligung von Forschenden des Forschungszentrums Jülich.Copyright: — Pixabay
Windturbinen liefern im Winter viel Strom – genau dann, wenn der Bedarf hoch ist. Trotzdem stockt der Ausbau in vielen Regionen Europas. Ein zentraler Grund: Windräder greifen sichtbar in Landschaften ein. Wo Täler, Küsten oder Bergpanoramen als besonders schön gelten, ist der Widerstand gegen neue Anlagen häufig besonders stark.
Forschende der ETH Zürich, des Paul Scherrer Instituts PSI und des Forschungszentrums Jülich haben vor diesem Hintergrund nun erstmals europaweit analysiert, was passiert, wenn besonders schützenswerte Landschaften von der Windenergienutzung ausgeschlossen werden. Entscheidend ist dabei die ästhetische Qualität, also wie „schön“ Landschaften wahrgenommen werden.
Im Mittelpunkt standen zwei Aspekte: Wie viel Windpotenzial ginge verloren – und wie stark würden die Kosten für Onshore-Windstrom steigen? „Bisher wurde diese Fragen vor allem für einzelne Länder untersucht, etwa für Deutschland oder Großbritannien. Mit dieser Studie liegt nun erstmals eine einheitliche, hochaufgelöste Analyse für Europa vor“, sagt Dr.-Ing. Jann Weinand vom Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse (ICE-2).
Weniger Windstrom – aber im Schnitt kaum höhere Kosten
Das Ergebnis: Werden besonders schöne Landschaften europaweit ausgespart, sinkt das Potenzial für Windenergie deutlich – im strengsten Schutzszenario um bis zu 43 Prozent. Die mittleren Stromgestehungskosten von Onshore-Windstrom bleiben auf europäischer Ebene jedoch vergleichsweise stabil.
„Viele wirtschaftlich attraktive Windstandorte liegen außerhalb der am höchsten bewerteten Landschaftsräume“, sagt Weinand. „Deshalb wirkt sich der Ausschluss europaweit nur moderat auf die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde aus – auch weil viele dieser besonders schützenswerten Gebiete abgelegen sind und der Ausbau dort ohnehin aufwendig wäre.“
Regional können die Unterschiede deutlich größer sein
Anders sieht es auf regionaler Ebene aus. In Ländern wie Norwegen oder im Alpenraum fallen windreiche Standorte häufig mit besonders attraktiven Landschaften zusammen. Im strengsten Schutzszenario könnte das Potenzial für Windstrom dort um mehr als 60 Prozent zurückgehen, in Norwegen sogar um über 90 Prozent. Gleichzeitig würden die Kosten für Onshore-Windstrom deutlich steigen – etwa um rund 15 Prozent in der Schweiz und um mehr als 40 Prozent in Norwegen.
Die Autorinnen und Autoren betonen deshalb in ihrer Studie: Für die Planung reicht ein Blick auf europäische Durchschnittswerte nicht aus. Entscheidend ist eine räumlich differenzierte Abwägung.
Dr.-Ing. Jann Weinand vom Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse (ICE-2)Copyright: — Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau
„In Ländern mit guten wirtschaftlichen Voraussetzungen wie Deutschland ist der Ausbau oft auch in besonders attraktiven Landschaften vergleichsweise kostengünstig möglich – was lokal jedoch häufig auf Widerstand stößt“, sagt Weinand. „In Regionen, die stark von landschaftlicher Schönheit geprägt sind, können gezielte Maßnahmen helfen, Konflikte zu entschärfen.“
Dazu zählt etwa das sogenannte Micro-Siting: Dabei wird die genaue Platzierung einzelner Windturbinen so optimiert, dass Eingriffe in das Landschaftsbild möglichst gering bleiben.
Wie misst man landschaftliche Schönheit?
Eine zentrale Frage der Studie lautete: Wie lässt sich landschaftliche Schönheit überhaupt bewerten? Die Forschenden nutzten dafür einen großen Crowdsourcing-Datensatz aus Großbritannien. Mehr als 200.000 Landschaftsfotos waren von Nutzerinnen und Nutzern auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet worden.
Auf dieser Grundlage trainierten Forschende der ETH Zürich ein KI-Modell. Es lernte, welche Merkmale mit einer hohen landschaftlichen Attraktivität zusammenhängen. Besonders positiv bewertet wurden naturnahe Landschaften, Gletscher- und Felsregionen sowie Gewässernähe. Siedlungen und landwirtschaftlich genutzte Flächen schnitten im Durchschnitt deutlich schlechter ab.
Im nächsten Schritt übertrug das Team das Modell auf 29 europäische Länder. Die Jülicher Forschenden brachten ihre Expertise in der räumlichen Bewertung von Windenergiepotenzialen und Kosten ein, um die Auswirkungen auf Stromerzeugung und Wirtschaftlichkeit systematisch zu betrachten.
Originalpublikation
Chen R, Pelser T, Lohrmann A, Weinand JM, McKenna R Data-driven landscape scenicness mapping for continental-scale onshore wind resource assessment. Energy and AI, 28. April 2026, DOI: 10.1016/j.egyai.2026.100752
Dieses Forschungsprojekt wurde im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizon Europe“ der Europäischen Union (in der Schweiz über SERI) unter der Fördervereinbarung Nr. 101083460 (WIMBY) finanziell unterstützt.